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Jürgen Nimptsch

Jürgen Nimptsch (Oberbürgermeister der Stadt Bonn, 2009 bis 2015)

Wie hat sich Bonn in den letzten 25 Jahren in Ihrer Wahrnehmung verändert?

In der Stadtgeschichte Bonns wird das letzte Vierteljahrhundert einen besonderen Platz einnehmen. Nach dem Teilumzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin in den 90er Jahren setzte ein starker Strukturwandel ein, an dessen Ende aus der „Bundeshauptstadt“ die „Deutsche Stadt der Vereinten Nationen“ geworden ist. Mit den weiteren vier Säulen „Wissenschaft“, „Kultur (Beethovenstadt)“, „Wirtschaft (Digital Hub)“ und „Bundesstadt (Dienstleistungszentrum für die Bundesregierung)“ steht die zukünftige Stadtentwicklung auf einem starken Fundament.

Welche Rolle hat Bonn aktuell inne? Bundesstadt, Beethovenstadt oder UN-Stadt?

Warum sollen dies Alternativen sein? Bonn hat im Laufe seiner über 2000-jährigen Geschichte immer wieder seine Stärke als Dienstleistungsstadt für Region, Land und Staat zeigen können und dabei wechselnde Aufgaben übernommen. Bonn ist und bleibt immer „Beethovenstadt“ und „Wissenschaftsstadt“, weil mit diesen beiden Merkmalen aufgrund des Geburtsortes unseres großen Komponisten und der über 200-jährigen Geschichte unserer Universität so etwas wie eine „Ewigkeitsgarantie“ besteht. Soweit man dies voraussagen kann, wird Bonn auch in den nächsten Jahrzehnten die fest etablierten Aufgaben der „Bundesstadt“ und der „Deutschen Stadt der Vereinten Nationen“ ausfüllen. Die positiven Entwicklungen Bonns als Wirtschaftsstandort mit weltweit agierenden Unternehmen und einer Ausprägung als „Digital Hub“ sind gewiss zukunftsträchtig. Insgesamt ist Bonn mit seinen unterschiedlichen Schwerpunkten gut aufgestellt.

Haben sich die Menschen in der Rolle als Bewohner einer UN-Stadt bereits eingefunden, oder sind, in Ihrer Wahrnehmung, die UN und die vielen Institutionen mit internationaler Ausrichtung noch immer ein Fremdkörper?

Mit dem „Deutschlandfest 2011“ und dem Engagement von vielen tausend Bürgerinnen und Bürgern wurde für mich zum ersten Mal deutlich sichtbar, wie sehr sich die Stadtgesellschaft damit identifiziert, ihre neue Rolle anzunehmen. Die Gastfreundschaft bei großen UN-Konferenzen und die Gründung vieler Initiativen und Vereine sowie die Beteiligung vieler internationaler Gruppen an der Brauchtumspflege zeigt, dass Bonn eine sehr gastfreundliche internationale Stadt ist. Nicht umsonst sprechen die Vereinten Nationen von einem „Bonn Spirit“ und von Bonn als „Nachhaltigkeitshauptstadt“. Bonn ist nun in ausgeprägter Weise das, was das Rheinland immer war: ein Schmelztiegel der Nationen.

Sie haben in Ihrer Amtszeit die WCCB-Baustelle in geordnete Bahnen gelenkt und bestmöglichst zu Ende gebracht. Das WCCB ist heute, nicht nur für die Arbeit des UNCCD, sondern auch für die vielen Institutionen, so etwas wie ein neues Zentrum in der Stadt. War Ihnen von Anfang klar, dass das WCCB-Projekt gelingen muss, damit Bonn sich tatsächlich zu einer UN-Stadt entwickeln kann?

Es war absolut zwingend, das WCCB fertigzustellen. Bonn, NRW und Deutschland hatten sich im Bellevue-Vertrag 2002 verpflichtet, den Vereinten Nationen eine Heimstatt und ein Konferenzzentrum zur Verfügung zu stellen. Als das Projekt ins Stocken geriet und eine mehrjährige Verzögerung eintrat, meldeten sich innerhalb der Vereinten Nationen mehr und mehr Stimmen, die für einen Umzug des Weltklimasekretariats in ein anderes Land votierten, da „Bonn ja seinen Verpflichtungen nicht nachkomme“. Die Konkurrenz innerhalb der Weltgemeinschaft ist groß. Wäre es nicht gelungen, das Konferenzzentrum im Juni 2015 zu eröffnen und die Vorbereitung der Weltklimakonferenz von Paris in Bonn zu ermöglichen, wäre alles ins Rutschen geraten. Wir konnten aber allen am Bau Beteiligten klar machen, dass das Ansehen Deutschlands auf dem Spiel steht und mit veränderter Steuerung die Baufertigstellung erreichen.

Welche Chancen bieten solche Zusammenschlüsse wie die BonnerAllianz oder der daraus enstehende Innovation Campus für den UN-Standort Bonn?

Jede sachorientierte Vernetzung, insbesondere natürlich bei den „Zukunftsthemen“ ist hilfreich. Nur eine Bündelung der Kräfte und ein stetiger Gedankenaustausch bringen uns schnell genug voran.

Überwindet Bonn den Wegzug der Ministerien nach Berlin durch die Ansiedlung internationaler Organisationen, unter anderem solche Allianzen von Bonner Institutionen?

Es ist längst überfällig, die Rolle der Bundestadt in einem ergänzenden Vertrag zum Berlin-Bonn-Gesetz zu regeln. Aus Ministerien können Aufgaben an oberste Bundesbehörden in Bonn delegiert werden, wie das etwa beim Bundesamt für Justiz schon lange der Fall ist. Bonns Qualität als Dienstleister für die Republik bliebe so umfänglich erhalten. Es gab leider innerhalb einzelner Fraktionen, insbesondere in der CDU, eine große Reserve zu diesem Vorschlag, den ich bereits zu Beginn meiner Amtszeit 2010 eingebracht hatte. Gelingt der geregelte Übergang nun nicht zeitnah, werden im Deutschen Bundestag keine Mehrheiten mehr für die „Bundesstadt Bonn“ zu erzielen sein. Umso wichtiger wäre es dann, noch stärker auf Internationalität und Wissenschaft zu setzen und nicht müde zu werden, um die Ansiedlung von internationalen Einrichtungen zu werben.

Was wünschen Sie dem Innovations-Campus Bonn (ICB) für die Zukunft?

Ich wünsche dem ICB die Einsicht vieler Entscheider aus dem politischen Bereich, für dieses Vorhaben genügend Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Die exzellenten Qualitäten in der Region mit einer sehr großen Zahl von bestens ausgebildeten Menschen und die Vernetzung mit den hier ansässigen großen Wissenschaftorganisationen spricht dafür, die Bonn zugeschriebene Rolle einer „Nachhaltigkeitshauptstadt“ weiterzuentwickeln und aus der Wissenschaft heraus wichtige Beiträge zur Sicherung eines guten Lebens für alle Menschen auf unserem Planeten zu liefern.

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